Lizernetal

Derborence

Im Banne der Bergstürze

 

Der Talkessel von Derborence am Südfuss des Diablerets-Massivs hat Wissenschaft und Literatur der zahlreichen Bergstürze wegen gleichermassen viel beschäftigt. Als bekanntestes literarisches Werk hierzu ist wohl der Roman ‚Derborence‘ von Charles- Ferdinand Ramuz (Editions Grasset et Fasquelle 1934) zu nennen. Leider sind dieses und viele weitere Werke von Ramuz in der deutschen Schweiz kaum bekannt, obwohl er zu den grossen Schriftstellern der Schweiz zu zählen ist. Hinzu kommt, dass dem hier Schreibenden bisher keine deutschen Übersetzungen untergekommen sind, die die Sprachgewalt Ramuz wiederzugeben vermögen. Deshalb sei jedem Leser als Grundlage der nachstehend beschriebenen Rundwanderung empfohlen, Derborence in der originalen französischen Fassung zu lesen.

 

Die beiden mächtigsten Bergstürze erfolgten im 18. Jahrhundert, am 23. September 1714 und 23. Juni 1749. Weitere kleinere folgten in den Jahren 1881, 1944 und 2009. Richtig zur Ruhe kommt die rund 1600 Meter hohe Wand aber nie. Durch das ganze Jahr hindurch poltern immer wieder Felsblöcke in die Tiefe und lassen Sagen und Geschichten aufleben, die auch die Basis von Ramuz Roman bildeten. So soll die Tour Saint Martin, der markante Felsturm an der oberen Kante der Diablerets-Wand, ein Kegel sein, auf den der Teufel mit seiner Familie von der Gletscherseite her mit Steinen wirft. Deshalb wird der Turm im Volksmund auch Quille du Diable genannt, was der Kirche nie behagte. Alle Steine, die den Kegel verfehlen, stürzen in den Talkessel von Derborence, was die zahlreichen Felsstürze erklärt. Wenn die Teufel ob ihrer Ungeschicktheit wütend werden, folgen eben ganze Gerölllawinen oder Bergstürze.

 

Tatsächliche Ursache der Bergstürze ist der instabile Aufbau der Südwand der Diablerets, die aus einer wild verfalteten Schichtfolge von jüngerem Flysch und älteren ultrahelvetischen Decken besteht. Der Eckpfeiler der Diablerets, der 1714 losbrach, lag auf einer instabilen Gipsschicht, die möglicherweise durch ein vorausgehendes Erdbeben weiter geschwächt wurde. Zudem lag das Ereignis am Ende der kältesten Periode der kleinen Eiszeit, sodass auch vom Gletscher her eindringendes Schmelzwasser den Druck erhöht und so den Bergsturz mitausgelöst haben könnte. Die riesige Steinmasse donnerte durch den gesamten Talboden, brandete sowohl in das Seitental der Derbonne als auch gegen den Montbas, bis deren Zunge schliesslich im Tal der Lizerne bei Servaplane zum Stehen kam. Mehrere Seen haben sich in der Folge aufgestaut, von denen drei übrig geblieben sind, wovon der Lac de Derborence mit seinem Urwald der grösste ist (Sabine und Charly Rey Carron: Derborence, Natur und Mensch, Iterama 2014).

 

Allein schon die Hinfahrt durch das wild zerklüftete Tal der Lizerne mit seiner in und durch den Fels gebrochenen schmalen Fahrstrasse bleibt ein unvergessliches Erlebnis. Danach starten wir gemütlich unsere Rundwanderung kurz vor Motelon und folgen vorerst der Fahrstrasse zu den Maiensiedlungen von Montbas. Gleich nach der ersten Haarnadelkurve zweigt der Fussweg zu den Häusern von Montbas Dessus ab. Bei der nördlichsten Häusergruppe stossen wir auf den Bergpfad, der in das Seitental hineinführt, wo die Lizerne entspringt und der Poteu des Etales liegt, der luftige Übergang ins Sanetschgebiet (Abb. 1). Die Überschreitung der Lizerne kann bei Schmelz- und Hochwasser Probleme bieten, da die als Steg gedachten Betonblöcke mittlerweile umgestürzt sind und nicht mehr benutzt werden können (Stand Juli 2016). Auch wir mussten bei Regenwetter die Schuhe ausziehen und knietief durch das reissende Wasser waten, also Vorsicht!

 

Entlang dem mächtigen Wandfuss der Diablerets queren wir zu den Häusern von La Lui und, nach einem kurzen Stück Fahrstrasse, weiter auf einem Hangweg nach La Combe. Gleich nach diesen Häusern teilt sich der Bergpfad. Wir wählen den Oberen, der etwas höher über den riesigen, an seiner mächtigsten Stelle gut 70 Meter hohen und ein Volumen von geschätzten 56 Millionen m3 messenden Schuttkegel der Bergstürze von 1714 und 1749 leitet (Abb. 2). In Derborence bieten sich zwei Weiterwege an. Der eine führt nördlich, der andere südlich des Sees und durch den Urwald, bevor sie sich wieder vereinigen und den Abstieg zurück nach Motelon ermöglichen (Abb. 3 und 4). Diese Rundwanderung bietet nicht nur ein beeindruckendes landschaftliches Erlebnis, sondern auch eine unglaublich reiche Flora, u. a. mit zahlreichen Orchideenarten. Wer wie wir einen wettermässig durchzogenen Tag mit stürmischen Winden, sich jagenden Wolken und Irrlichtern wählt, der wird an einem unvergesslichen Naturerlebnis Anteil haben.

 

 

Abb. 1 Das Tal der Lizerne am Fusse des Poteu des Etales
Abb. 2 Oberster Teil des Schuttkegels mit den Anrissstellen in der Diablerets-Südwand der Bergstürze von 1714 und 1749

 

Abb. 3 Im Urwald von Derborence

 

Abb. 4 Routenverlauf
Solange man neugierig ist, kann einem das Alter nichts anhaben.
Burt Lancaster