Gertrud Leuteneggers Öffnung unbekannter Welten – Wilhelm Tell als Beispiel
Literarischer Abschied von Gertrud Leutenegger – eine Würdigung durch den Literaturwissenschafter und Freund Daniel Annen
Die in Schwyz aufgewachsene Schriftstellerin Gertrud Leutenegger (1948-2025) gilt vielerorts als eine der wichtigsten dichterischen Stimmen in der Schweiz. Und dass ihr Schwyz wichtig war, merkt man aufgrund verschiedener Motive in ihren Texten:
Da gibt es die Schutzengelkapelle; da sind die Verstorbenen im Kerchel aufgebahrt; da gibt es die Fasnacht, wie sie als Rott zu Trommelwirbeln durchs Dorf zieht; und selbst der einst dorfbekannte Fecker Graf schaut am Palmsonntag in die Kirche. Trotzdem gehen solche schwyzerischen Motive über eine Dorfbeschreibung hinaus. Sogar scheinbar ganz reale Ereignisse verweisen, sobald sie in Leuteneggers Texte eingegangen sind, auf andere Welten: gesellschaftliche, politische, religiöse Einsichten blitzen auf. Und da und dort öffnet sich ganz einfach eine Ahnung einer höheren, uns unerreichbaren oder sonst geheimnisvollen Welt … – so lernen wir auch unsere die eigene Welt neu zu sehen. Gezeigt werden soll das ausgehend von der Art, wie Leutenegger Wilhelm Tell darstellt. Richtig gelesen: Wilhelm Tell, ausgerechnet!
Daniel Annen Dr. phil. I

Daniel Annen ist 1954 in Schwyz geboren, studierte an der Universität Zürich Germanistik und promovierte 1985 mit einer Arbeit über den Schriftsteller Meinrad Inglin. Er unterrichtete an der Kantonsschule Kollegium Schwyz und ist Autor diverser Aufsätze über verschiedene Schriftsteller, die Kultur und das Land von Schwyz.
