Gäbris und Höch Hirschberg
Gäbris und Höch Hirschberg
Appenzeller Winterimpressionen
Von Christian E. Besimo
In dieser Rubrik werden Berg- und Schneeschuhwanderungen vorgestellt, die in der Regel wenig bekannt sind, zu aussergewöhnlichen Orten führen und die Genugtuung einer besonderen persönlichen Leistung bieten, sei es, dass man sich am Abend nach der Arbeit noch zu einer kleinen körperlichen Anstrengung überwindet, bzw. sich in ein oder zwei Tagen abseits breit getretener Wege unvergessliche Naturerlebnisse erschliesst. Zur besseren Beurteilbarkeit des Schwierigkeitsgrades der Tourenvorschläge wird jeweils eine Einschätzung anhand der SAC-Skala für Berg- (T1 – 6) und für Schneeschuhwanderungen (WT 1 – 6) gegeben. Die schwierigste Wegstelle, unabhängig von ihrer Länge, bestimmt jeweils die Gesamtbewertung der Route. Letztendlich bleibt aber jeder selbst für die Beurteilung seiner Fähigkeiten und Eignung für die vorgestellte Wanderung verantwortlich. Die Gehzeiten sind Richtwerte und gelten für normal trainierte Wanderer. Sie müssen nicht zwingend mit den Angaben auf Wegweisern übereinstimmen.
Das Appenzeller Land war bisher, und ich gestehe es freimütig, zu Unrecht ein weisser Fleck auf unserer Landkarte. Zu römischen Zeiten hätte auf diesem für uns weissen Fleck «Hic sunt leones, hier leben Löwen» gestanden, wie um zu rechtfertigen, warum man sich noch nie dorthin gewagt hat. Einen solchen Grund gibt es im Appenzeller Land nicht. Und trotzdem hat uns nur der Zufall nach Gais und auf den Gäbris bzw. den Höch Hirschberg geführt, weil sich eine Schneeschuhtour auf die Berra im Kanton Freiburg zerschlagen hat. Im Internet sind wir per Zufall auf das Gästehaus Bären in Gais gestossen und haben dort nicht nur ein heimeliges Zimmer mit Gartenterrasse und reichhaltigem Frühstück, sondern auch eine herzliche und zuvorkommende Bedienung damals durch die Familie Willi gefunden. Bei der Planung der zwei kleinen Winterwanderungen stiegen in mir Erinnerungen auf an ein Ferienlager auf dem Schwäbrig in der dritten Primarschulklasse; ich war also schon einmal vor langer Zeit im Appenzeller Land und begann zu rechnen, das war vor 52 Jahren!
Den Aufstieg zum Gäbris starten wir im Weiler Zwislen südlich des Dorfkerns von Gais und folgen dem Ausläufer des Sommersbergs nach Hebrig. Jenseits der Strasse und Bahnlinie Gais – Altstätten beginnen wir den Aufstieg zum Sommersberg mit seinem einsam gelegenen Bauernhof, wo wir herzliche Aufnahme in der vom Kachelofen geheizten Gaststube von Andrea und Köbi Brunner finden. Für die warme Jahreszeit gäbe es hier auch Tische und Bänke vor dem Haus mit herrlichem Ausblick. Heute herrscht Eiseskälte und die Wälder sind durch Reif verzaubert. Frisch aufgewärmt setzen wir unsere Winterwanderung gegen Nordosten über die Zufahrtsstrasse des Bauernhofes fort. Wir verlassen diese nach der ersten Linkskurve im Wald, steigen gegen Norden zur Moorsenke von Hofguet ab und am gegenüberliegenden Hang kurz wieder zum Hof Schwäbrig auf. Hier taucht das Ferienheim meiner Schulzeit aus dem Nebel auf mit den grossen Bäumen rundherum. Das Rauschen des Windes in den mächtigen Blätterkronen hatte uns in unsere Träume voller Abenteuer und Heimweh begleitet – eine Flut von Erinnerungen überwältigt mich, nicht zuletzt auch an den grässlichen Griessbrei mit der klebrigen Himbeersauce. Trotzdem, welch wunderbarer Ort war und ist der Schwäbrig doch für ein Ferienlager – es fällt mir nicht leicht, mich wieder loszureissen.
Gegen Westen ist es nicht mehr weit bis zum zugefrorenen Gäbris-Seeli und weiter leicht ansteigend zum Hof Unterer Gäbris, wo wir erneut einkehren, es ist ja auch wirklich kalt. Verdursten und verhungern muss man im Appenzeller Land offensichtlich nicht. Wir geniessen die würzige Gerstensuppe und einmal mehr die Wärme des Kachelofens. Dann überraschen uns die Einheimischen mit ihrem mehrstimmigen Gesang und Zäuerlen, dem Naturjodel, der uns noch lange in den Ohren nachschwingt, die letzten Meter bis hinauf zum Gipfel des Gäbris und weiter über seinen Südwestgrat nach Obergais und Gais hinunter (Abb. 1 und 2).
Beim Aufstieg zum Höch Hirschberg am nächsten Tag herrscht noch grössere Kälte und fällt leichter Schnee. Wir wenden uns in Zwislen gegen Osten und durchwandern die Ebene bis zum Schiessplatz südlich von Schachen. Hier beginnt gegen Süden der Aufstieg praktisch in der Falllinie hinauf zur Lichtung der Brandegg. Der schmale Weg ist unter der Schneedecke nur schwer zu erkennen. Trotzdem fällt die Orientierung dank der vielen gelben Wegmarkierungen leicht. Wieder umgibt uns ein stiller, vom Raureif verzauberter Wald. Über den breiten Bergrücken erreichen wir schliesslich das Gasthaus auf dem Höch Hirschberg mit seiner herrlichen Rundsicht über das Rheintal und das Appenzeller Land hinaus bis hin zum Alpsteingebirge. Heute reicht der Blick nur bis zum Fänerenspitz, dafür erfreuen wir uns an der Schönheit des im Raureif erstarrten Waldes (Abb. 3). Wir folgen weiter gegen Westen der Zufahrtsstrasse zum Höch Hirschberg bis in den Sattel vor Hütten. Von dort steigen wir in nördlicher Richtung vorerst über Weiden zur östlichen Ecke der langgezogenen Waldlichtung ab, wo wir auf einen Weg treffen, der uns nach Zwislen zurückführt (Abb. 4).
Wer sich auch literarisch auf diese zwei Wanderungen einstimmen möchte, dem sei das 2008 im Verlag Appenzeller Volksfreund erschienene Büchlein ‚Wildermann: Geschichten vom Hörensagen – über Johann Fuchs, den Bölere-Bueb‘ von Praxedis Kaspar (ISBN 9783729110908) herzlich empfohlen, das im Bücherladen in Appenzell (www.buecherladen-appenzell.ch) bezogen werden kann. Es erzählt die wahre Geschichte eines Aussenseiters, die trotz aller Traurigkeit immer wieder zum Lachen anregt und uns diesem ursprünglich gebliebenen Landstrich sowie seinen Menschen näherbringt. Wer zum Abschluss auch noch ein besonderes kulinarisches Erlebnis wünscht, dem sei in Gais die ausgezeichnete Küche von Silvia Manser im Restaurant Truube wärmstens empfohlen.

Abbildungen
Abb. 1 Am Gäbris

Abb. 2 Auf dem Weg nach Obergais

Abb. 3 Auf Höch Hirschberg

Abb. 4 Routenverlauf